Der Wunderapostel spielt eine zentrale Rolle in den beiden Anfang der 1920er Jahren geschriebenen Romanen „Der Sonnenbruder“ und „Der Wunderapostel“ von Hans Sterneder. Sie spielen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Landstreicher-Milieu.
Erzählt wird die Geschichte des Beatus Klingohr, eines jungen Burschen aus dem Erzgebirge, der es schon früh zu Ruhm und Ehre gebracht und die Gipfel weltlichen Erfolgs erklommen hatte. In ganz Europa war sein Name bekannt. Doch dann machte ein Schicksalsschlag ihm alles zunichte. Ruhm und Ehre waren dahin und der Schmerz trieb ihn hinaus auf die Landstraße. Heimat- und ruhelos zog er umher, bis er von einem Mann hörte, den alle nur den Wunderapostel nannten und der über ungewöhnliche Kräfte und Fähigkeiten verfügen sollte. Beatus wollte den geheimnisvollen Mann finden und es begann eine dramatische Suche auf Leben und Tod. Davon erzählt der erste Roman „Der Sonnenbruder“.
Hier die Passage, in der Beatus Klingohr zum ersten Mal vom Wunderapostel erfährt. Ein anderer Walzbruder, Heini Vögeli, genannt der Vögeli-Heini, erzählt ihm davon:
„Ich kann dir das zu wenig treffend sagen, aber wenn du je dem Wunderapostel begegnen solltest, dann schau, dass du dich an den halten kannst. Von dem wirst du Dinge erfahren und sehen – falls er dich an sich herankommen lässt –, die dir jeden Zweifel nehmen werden.“
„Der Wunderapostel, wer ist das?“, fragte Beatus beinahe ungestüm.
„Das ist ein geheimnisvoller Zauberer. Einige behaupten sogar, dass er aus Asien her ist. Ausschaun tut er danach. Und es heißt, dass er sein Lebtag auf der Landstraße gewesen ist.“
„Wieso kommt er aber zu dem Namen Wunderapostel?“
„Das ist sein Kundenname; der Name, den die Kunden [die reisenden Handwerksburschen der damaligen Zeit] für ihn aufgebracht haben und unter dem man ihn weit und breit kennt. Wenn du nach Königsberg hinaufkommst und einen Kunden nach dem Wunderapostel fragst oder wenn du in Italien unten bist, überall wirst du erfahren, dass er gar wohl bekannt ist.“
Beatus lauschte gespannt.
„Du musst wissen, dass er von unseren Leuten wie ein Heiliger und Weiser verehrt wird. Es gibt keinen zweiten Kunden, mit Ausnahme des Evangelisten, der so bekannt und verehrt ist und der solche Macht über die Walzbrüder hat wie der Wunderapostel. Denn er ist so weise, dass ihm alle geheimen Kräfte der Natur dienstbar sind. Es geht die Sage über ihn, dass er mit allen Pflanzen und Tieren im Bunde ist und all ihre Geheimnisse kennt.
Ja es wird sogar behauptet, dass er mit Pflanzen und Tieren reden kann, wie andere mit Menschen reden, und dass es darum nichts gibt in der Welt, was er nicht kann und weiß.
Sogar wo die Schätze unter der Erde liegen, sollen sie ihm sagen. Und es mag leicht sein, dass er zu jeder Minute Geld heben kann, denn es heißt, man habe ihn noch nie betteln sehen. Und einige schwören sogar darauf“ – hier senkte Vögeli-Heini unwillkürlich seine Stimme zum Flüsterton – „dass er mit Geistern im Verkehr steht! Und so muss es wohl auch sein, denn er soll derartige Wunder an Kranken verübt haben, dass sie ohne die Hilfe der Unsichtbaren gar nicht möglich erscheinen. Einer erzählte einmal in der Penne, es war in Heilbronn, dass er ihm in den Wald nachgeschlichen sei und gesehen habe, wie der Alte einen Strauch berührte und sich aus diesem ein Wesen gelöst hätte, zu dem er lange gesprochen habe, und dass dieses schließlich durch die Luft davongeschwebt sei. So unfassbar das klingt, ich könnte es doch glauben, denn ich bin der festen Meinung, dass es für den Heiligen nichts gibt, das er sich nicht untertan zu machen wüsste.
Und sollte diese ganze Geschichte auch nur geflunkert gewesen sein, Tatsache ist, dass er durch Händeauflegen Schwerkranke gesund und Lahme gehend machen kann. Ich habe darüber den alten Evangelisten gefragt und der hat es mir bestätigt. Und was der alte Evangelist sagt, ist so wahr wie das Wort Gottes.“
Im zweiten Roman begegnet Beatus Klingohr dem Wunderapostel zum ersten Mal. Sofort hat er den Eindruck, es mit einem besonderen Menschen zu tun zu haben. Hier die entsprechende Passage im Roman:
„Auf diesem Antlitz lag die Hoheit, wie sie das Haupt weiser, sagenumwobener Könige längst verklungener Jahrtausende geziert haben mag, gepaart mit einer derart sonnenhaften Klarheit, die nur Auserwählte kennzeichnet, deren Geist in alle Höhen und Tiefen des Seins gedrungen, und dem sich Geheimnisse der Schöpfung geoffenbart, die sich den andern Sterblichen eifersüchtig verschließen. Der assyrisch gehaltene dunkle Bart, in dem die ersten Silberfäden spielten, unterstrich noch diesen Eindruck. So denken wir Menschen uns das Antlitz eines Erhabenen. Doch so sehr dieses Antlitz auch leuchtete, wurde es dennoch überstrahlt von dem blendenden Glanz zweier Augen, die so mächtig waren wie die Majestät der Sonne vor der Erhabenheit des Himmels.
Beatus war nicht fähig, sich zu bewegen. Wuchtig lag die Ehrfurcht vor der Größe dieses Erhabenen, dem er sich so einfältig hatte nähern wollen, auf ihm und drohte ihn zu erdrücken. Gewaltig, wie eine Sturzflut, brach die Nichtigkeit seines Seins in ihn ein. Als er aber seine Blicke neuerdings auf die zwei milden Sonnen richtete und die unendliche Güte fühlte, die von diesem Gesichte ausging, war doch wieder eine unerklärliche, wohlige Ruhe in ihm und freudige Zuversicht senkte sich in sein Herz.
Die machtvolle Gestalt, die dem Gliederbau des hünenhaften alten Evangelisten nur wenig nachgab, ragte wie eine Säule gegen das Blau des Himmels. Das stark angegraute Haupt von den Strahlen der in seinem Rücken stehenden Sonne wie von einem Heiligenschein umspielt.“
Schnell merkt Beatus, dass er es hier mit keinem gewöhnlichen Menschen zu tun hat, dass der Wunderapostel mehr ist, ein Meister, ein Avatar, ein Heiliger. Der Wunderapostel selbst enthüllt sich ihm schließlich als einer jener Großen Brüder, jener Helfer der Menschheit, der aus einem verborgenen Kloster des Himmalaya nach Europa gekommen ist, um den materialistisch gewordenen Menschen im Westen wieder von der Kraft des Geistes zu künden.
„Deshalb beschlossen sie [die Großen Brüder in dem Kloster des Himmalaya], dass vorerst ein Bruder hinübergehen sollte, um die Seele der abendländischen Menschheit bis ins Letzte zu ergründen und die passendste Stätte zu suchen und zu bereiten für ihren Aufenthalt.
Die Wahl traf mich.“
Einen Augenblick, als verstünde er die Worte nicht, als vermöge er sie nicht zu erfassen, blieb Beatus regungslos, dann schleuderte es ihn förmlich von der Brust des Sprechers, und mit großen Augen starrte er den vor ihm Sitzenden an. So verharrte er eine Weile. Der Meister aber lächelte sein rätselhaftes, leises, seltsames Lächeln, das so gütig und mit irdischem Sinn nicht zu ergründen war, hob die Hand, die den großen Smaragd trug und legte sie Beatus auf die Stirne. Und der Jünger fühlte, wie Ruhe in ihn einzog, die an Gleichmut grenzte. Ihm wurde wundersam wohl und still in seinem Herzen.
Und der Erhabene fuhr fort:
„So habe ich vor einer Zahl von Jahren das schweigsame Kloster verlassen und mich aufgemacht auf den Weg nach Westen. Ich bin durch ganz Europa gezogen, und unser gemeinsamer Freund, der Fürst der Zigeuner, hat mir dabei große Dienste geleistet. So habe ich die verschiedenen Strahlungen der abendländischen Erde und der Seelen ihrer Völker kennen gelernt.
Es war mir selbstverständlich, dass ich die Stätte des kommenden abendländischen Klosters meiner ,Großen Brüder‘ innerhalb der uns wohlbekannten gewaltigen Gebirgskette zu suchen hatte, die ihr die Alpen nennt.
Denn die hohen Gebirge tragen von Urtagen her Kräfte der Reinheit und heimliche Mächte des kosmischen Lebens in sich, von denen die heutige Menschheit noch nicht das Leiseste ahnt. Die Grate dieser Gebirge sind gewaltige Antennen, welche die kosmischen Kräfte des Alls in ganz besonderem Maße anziehen und in ihrem Leib bewahren.”
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