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Leseprobe aus „Der Wunderapostel“

Hans Sterneder: Der Wunderapostel
© 2008 Eich-Verlag, Werlenbach

Leseprobe: Der Sonnengesang des Beatus

Glashell klingendes Morgenschweigen lag über dem Bannkreis des königlichen Dachsteins.

In urweltweisem Gleichmut ragten die vereisten Zinnen gegen den Himmel. In urweltweiser Ruhe hauchten sie ihren grimmen Atem auf die goldgrünen Frühlingsalmen. Eine Welle lebensfreudigster Naturkraft quoll aus dem heiligen Leibe der jungstarken Erde, sich mit dem Odem des Eises zu einem Elixiere verschmelzend, wie es den Magiern aller Zeiten in keinem ihrer Tiegel geglückt.

Mit klirrendem Schrei kreiste ein Wildadler um das Haupt des Dachsteins. Jeden Morgen, wenn die Sonne seine Gipfel vergoldete, stieg der Raubvogel auf und brachte ihm seinen Gruß. Es war ein altes Tier, das seit einer Vogelewigkeit seinen Horst im Geklüft des Bergriesen hatte. Nun schwebte er über der einsamen Alm, die sich unter den Schneehängen des weisen Freundes hinzog, spähte mit blickscharfen Lichtern in die Tiefe, rüttelte ein paar Blutschläge lang über derselben Stelle und flog dann in weitem Bogen um die Hochwiese.

Dort unten, die Arme auseinandergestrafft, den entblößten Kopf tief in den Nacken geworfen, lag Beatus Klingohr in den Knien, das verklärte, weltentrückte Gesicht dem göttlichen Taggestirn zugewandt, das zuvor, als der Wildadler sich zur Firnzinne des Berges emporschraubte, in gleißender Pracht über die zerklüfteten Morgenberge stieg.

Den Mund halb geöffnet, die Augen in unerforschliche Weiten gerichtet, kniete er regungslos in der würzigstarken Blütenpracht, wie ein Heiliger, der von einer himmlischen Vision erfüllt ist.

Höher stieg die Sonne, stärker wurde ihr Leuchten, wohliger ihre Wärme.

Durch Stängel und Blätter der Almblumen ging ein leises Zerren und Spannen, aus jedem Blütenkelch drang in vermehrter Stärke betörender Duft, so dass sich die emsigen Insekten für einen Augenblick ganz benommen an den lockenden Blütenblättern festhalten mussten, welche die Pflanzen in behutsamer Lautlosigkeit der Göttin des Lebens zudrehten.

In einer Flut von duftender Wärme und morgendlicher Frische lag der Kniende.

Und nun begann sich sein Mund zu öffnen, und mit der Inbrunst eines durch härteste Askese vergeistigten, erdentrückten Klostermönches strömte es ungestüm wie ein junger Gletscherbach von seinen Lippen:

„Sonne, leuchtende, strahlende, goldene Sonne! Hüterin des Himmels, sei mir gegrüßt! Sei mir gepriesen ob deines Lichtes! Siehe das freudige Erwachen aller Kreatur! Sie vermag nur zu leben in deinem Schein. Vermag nur froh zu sein unter dem Gold deiner Scheibe. Siehe, wie die Kronen der Bäume leise im Morgenwind rauschen, wie die Kelche der Blumen aufbrechen und die heiligen Opferdüfte trunken ihren farbigen Lichtschalen entströmen!

Ihr Leben und Sein ruhet in deiner Liebe.

Siehe die Vögel des Himmels! Traumbang kauern sie nachts im Gezweige des Waldes. Doch kündet der Frühschein des Morgens dein nahendes Kommen: Siehe, da steigen sie aufwärts mit tauig glänzendem Gefieder, erfüllen die Himmel mit jauchzender Lust.

Kein Kelch vermöchte zu strömen, kein Lied zu ertönen, wenn du nicht bei uns wärest, Königin!

Mutter des Lebens, o sei gegrüßt! Höre das Donnern der Wildbäche in den Schluchten; sieh die Formenwunder der Wolken in den Zelten der Himmel! Leben in allen Tiefen der Erde, in allen Höhen der Lüfte. O Wunder des Himmels: Leben! Von dir geschaffen, von dir erfüllet. Dir auch ergeben in Ewigkeit!

Leuchte, lohe und sprühe, glühende Göttin, Göttin des Seins! Ströme hernieder Fluten des Lichtes, erfülle uns ganz mit deinem Glanz! Verbrenne das Dunkle, entfache das Lichte zu lodernden Bränden, entfache das Reine!

Dein Strahlen ist Liebe, Liebe dein Kreisen!

Dein Lieben ist Leben, das Leben dein Sein!

Aus jedem Geschöpf grüßt dich der Strahl deiner Liebe! Grüßt du dich selbst. Wie groß bist du, Göttin, in deiner Macht!
Sieh mich auf den Knien, o höre mein Danken, allewige Mutter! Ein Hauch nur bin ich vor deinem Glanz, doch bis zum Versprühen, Verglühen des letzten Funkens in mir sei gepriesen! Sei gesegnet für dein himmlisches Licht, welches das Dunkel der Nächte in die Freuden der Helle wandelt! Gesegnet für die Ströme der Wärme, die den Tod besiegen und das Leben schenken. Sei gesegnet, Königin, dass ich bin und dich lieben kann!“

Beatus hält eine Weile seine Hände der Sonne entgegen, dann wirft er sich zu Boden, presst die Stirne auf den frühlingszarten Teppich des Almgrases und spricht andächtig:

„Heilige Erde, sei mir nicht minder gesegnet! Du trägst mein Leben, duldest mein Wandeln, weist mir in Liebe unendliche, selige Wunder!“

Da werden seine Blicke von einer Enzianblüte angezogen, die ihm ihren Saphirkelch hingebungsvoll entgegenhält. Zärtlich betrachtet er eine Weile das Blütenwunder, dann neigt er sich nieder und umschließt mit behutsamen Fingern die zarte Krone.

„Holdselige Schwester, Rätsel des Lebens, fühl meine Liebe. Nimm sie auf in dein reines Wesen, wärme dich an der Liebe eines Menschenbruders und verwebe sie in die geheimnisvollen Kräfte deines Seins!“

Tief beugt er sich über die Blume und berührt bewegt mit seinen Lippen das azurblaue Mysterium.

Lange verharrt er so, dann hebt er den Kopf, die Blüte noch immer haltend, und murmelt wie im Traum vor sich hin:

„Wärme dich, du Keusche. Und sende meine Liebe deinen Schwestern zu, damit auch sie erleben, wie Menschenliebe ist.“
Und sich vom Boden erhebend und über die Blütenpracht der weiten Almwiese schauend, bewegt er mit feierlicher Ruhe die Arme ringsum und spricht:

„Ich segne euch, Kinder des Lichtes, segne dich, holdseliges Lächeln der heiligen Mutter Erde! Meine ganze Liebe gebe ich euch, o gebt mir von eurer Reinheit, von dem unerschütterlichen Glauben eures Lebens, gebt mir von dem stillen Glück eures Freuens! Lasst mich teilhaben an den heiligen Wundern des Seins, die wir Menschen verloren und die sich in die Schreine eurer zauberhaften Körper zurückgezogen haben!

Heilig seid ihr, die ihr stumm dieses Wissen traget, heilig seid ihr Erwählten!“

Und er preist die wehenden Lüfte, die ziehenden Wolken, die glänzenden Firne, die funkeln, wie wenn sich der ganze Schimmer des Sternenzeltes in sie gesenkt hätte; er segnet die schweigsamen Wälder, die in weitem Bogen die hügelige Alm umsäumen, für den Schutz, den sie dem Getier geben; er segnet das Wasser, dessen kristallklare Flut alles Lebendige labt.

Dann lässt er die Arme sinken und, die Lider schließend, steht er lange Zeit, wie von Erschöpfung überfallen. Fährt mit der Hand langsam über Stirn und Augen und blickt wie benommen über die sonnüberflutete Almwiesenpracht, auf der noch immer die märchenhaften Taugeschmeide der Nachtgeister glitzern, die sie beim Anbruch des Morgens der Sonne als Gruß und Huldigung zurückgelassen haben. Lange betrachtet er dieses menschenentrückte Paradies, das rings von hohen Schneemauern und Eiszacken umschützt ist, deren Alabaster sich unirdisch von der goldgrün leuchtenden Frühlingspracht der Almwiese abhebt. Es scheint, wie wenn die wildzerrissenen Felsgiganten mit ihren weißen Schultern und Häuptern, drohend auf trotzenden Wächtern gleich, geradewegs aus dem bunten Teppich der weiten Wiese wüchsen.

Es ist, als habe der Herrgott sich hier heroben, mitten im ewigen Eis und Schnee, durch die Kraft Seiner Allmacht einen Zaubergarten geschaffen, unzugänglich dem Fuße der Menschen, von keinem Sterblichen geahnt und gewusst.

Sonnenbruder und Wunderapostel – Roman und Spielfilm

Der 1924 erschienene Roman „Der Wunderapostel“ und seine Vorgeschichte „Der Sonnenbruder“ zählen zweifellos zum Hauptwerk Hans Sterneders. Erzählt wird die Geschichte des Walzbruders Beatus Klingohr – seine Abenteuer auf der Landstraße, seine verzweifelte Suche nach dem Wunderapostel und seine unfassbaren Erlebnisse an der Seite dieses geheimnisvollen Mannes. Ein Landstreicherroman und ein Einweihungsroman. Zwei Bücher, eine Geschichte. Hohe Literatur und tiefe Geistigkeit.

„Der Sonnenbruder“ erzählt die Geschichte des Beatus Klingohr. Ein schwerer Schicksalsschlag hat ihn hinausgetrieben auf die Landstraße, fort aus der Geborgenheit seines alten Lebens, hinaus auf die harte Straße und hinein in die bunte Welt der Landstreicher und Vagabunden. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm. Beatus ist ein Liebling der großen Mutter Natur. Mit warmer Liebe offenbart sie ihm all ihre Schönheiten. Er genießt die unbeschwerte Leichtigkeit der Sommertage und die herzliche Freundschaft seiner Wanderbrüder. Aber er bekommt auch die erbarmungslose Härte des Winters zu spüren und die versteinerte Ablehnung kalter Herzen.

So erlebt Beatus beides: Himmel und Hölle, Freude und Niedergeschlagenheit. Doch bei all diesem Erleben kreisen seine Gedanken immer wieder um den Sinn des Lebens, die Geheimnisse der Natur und - um Gott. Als er sich schließlich aufmacht, einen Mann zu finden, den alle nur den „Wunderapostel“ nennen, beginnt eine dramatische Suche auf Leben und Tod …

Im „Wunderapostel“ dann begegnet Beatus endlich dem Heißersehnten und zieht an seiner Seite durch die Lande. Und Beatus erlebt Unglaubliches. Der Wunderapostel ist ein Meister aus dem Fernen Osten und enthüllt ihm Schöpfungsgeheimnisse, die nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Beatus vergisst seinen Schmerz und erlebt Befreiung und Erlösung von aller Schwere und allem Leid. Für ihn beginnt ein neues Leben.

Hans Sterneder ist mit seinem Einweihungsroman vom „Wunderapostel“ etwas Einmaliges gelungen: die Verschmelzung von hoher Literatur und tiefer Geistigkeit, die Einheit von Sprache und Erkennen. Er machte ihn zum großen Mystiker des 20. Jahrhunderts und zum Künder des bereits heraufziehenden Wassermann-Zeitalters. Nicht umsonst gilt Sterneder als Dichter des Menschheits-Urwissens.

Die Literaturverfilmung der beiden Romane von 1993 ist eine besondere Kostbarkeit und einer der eindrucksvollsten spirituellen Filme der deutschen Kinogeschichte  Es gibt nur wenige spirituelle Spielfilme dieser Güte. Er wurde konzipiert als Gegenstück zu üblichen Unterhaltungsfilmen und soll dem Zuschauer die Möglichkeit bieten, sich mit geistigen Werten auseinanderzusetzen. 1993 hatte der Film Premiere und lief mehrere Jahre erfolgreich in den Kinos. Er beeindruckt nicht nur durch seinen spirituellen Gehalt, sondern ebenso durch die wundervollen Naturaufnahmen, die liebevolle Gestaltung des Bühnenbildes und die kraftvolle Musik. Der Film ist wie die Bücher - voller Schönheit, Weisheit und Tiefe.

Leseprobe aus „Der Sonnenbruder“

Hans Sterneder: Der Sonnenbruder
© 2008 Eich-Verlag, Werlenbach

Leseprobe: Sie sind doch rechte Komödianten, diese Menschen!

Auf den Holzzäunen hockten Gartenrotschwänzchen, die sich nicht genugtun konnten mit Knixen und Kopfnicken, und aus dem Gezweig der Bäume rief ihm bald da, bald dort ein munterer Spottvogel gute Reise zu. Und als nun gar noch das selig schmelzende Flöten des goldleuchtenden Pirols im letzten Obstanger, ein Stück außerhalb des Dorfes, einsetzte, da wurde dem Walzbruder so überströmend froh im Herzen, dass er mit seinem Stock übermütig in der Luft herumfuchtelte.

Und plötzlich warf er das Ränzel ins Gras, zog seine Schuhe aus, steckte die Socken hinein, band die Schnürriemen zusammen und hing sie mit dem Ränzel über die Achsel. Dichter Staub lag auf der Landstraße und bald waren seine Füße ganz grau. Dies aber schien ihm solchen Spaß zu machen, dass er mit der ganzen Sohle aufpatschte. Immer wieder sah er mit schmunzelndem Gesicht auf seine Füße. Da bemerkte er, wie dick der Staub in den Wagengeleisen lag, und schon marschierte er in ihnen, dass die Füße darin versanken. Wie prickelnd wohlig es in dem mollig durchwärmten Staubmehl zu gehen war! Als hätte es ein Bäcker in einer Riesenpfanne vorgewärmt. Und wie drollig die Sandkörnchen kitzelten! Das Allerköstlichste aber waren die immerfort zwischen den Zehen aufsteigenden, sonndurchflimmerten, tanzenden Staubsäulchen. Er konnte sich gar nicht genug satt freuen daran und wäre beinah in ein Ochsengespann hineingerannt, wenn der Knecht dem sonderbaren Kauz, der da mit gesenktem Kopf, eine ganze Fahne hinter sich herwehend, im wirbelnden Staube trappte, nicht im letzten Augenblick ein kräftiges „Öhöö“ entgegengerufen hätte. Und der Knecht hatte guten Grund, „Närrischer Teufel“ vor sich hin zu brummen, denn als er sich nach ihm umwandte, sah er ihn bereits wieder im Wagengleise mit hochgekrümmtem Rücken und zu Boden gesenktem Kopf Staubwolken aufwirbeln. Beatus Klingohr aber freute sich an den Staubsäulchen, die besonders neben der großen Zehe aufpufften, als hätten sie selber ihren springlebendigen Spaß daran. Und war es denn nicht auch wunderbar! Oft tanzten ganze Sonnenstrahlen in den wirbelnden Körnchen und gleich wieder sah es aus wie kreisende, winzige Welten. In seinem Frohmut kam ihm der Gedanke, unheimlichen Aufruhr anzustiften. Und schon verrichteten seine Füße gewaltige Pflugarbeit. Aber ein Fuß ist kein Pflug, und als die linke große Zehe unerwartet an einen im Staubmull vergrabenen Stein anstieß, dass vor seinen Augen Funken stoben, zuckte das glückselige Walzbrüderlein so jäh zusammen, dass die an ihm vorbeischießende Schwalbe gar nicht begreifen konnte, weshalb es mit seinem rechten Beine plötzlich so seltsam ins Knie schnappte und das linke verschnörkelt beinah bis zum Kinn hinaufzog. Eben hatte der Mensch noch so heiter getan und nun schnitt er Grimassen, dass es zum Gotterbarmen war. Sie sind doch rechte Komödianten, diese Menschen! Und die Schwalbe schoss weiter, mit offenem Schnabel kunstgerecht Insekt um Insekt im gleitenden Fluge haschend. Es konnte sich aber vielleicht verlohnen, so ein Menschlein wieder einmal genauer zu beobachten. Und so drehte die Seglerin und schoss zurück. Richtig! Da seht euch den sonderbaren Kauz an! Hat sich in den Straßengraben gehockt, hält die linke Großzehe in beiden Händen und drückt an ihr derart aus Leibeskräften, scheint’s, dass er vor Schmerz die Augen zukneifen muss. Was das für einen Sinn haben soll, das weiß der liebe Gott! Sind doch manchmal arg verrückte Querköpfe, die Menschen!

Beatus Klingohr aber ist so angelegentlich mit den Signalzeichen beschäftigt, die seine große Zehe zum Hirn hinauffunkt, dass er die neugierige Schwalbe gar nicht bemerkt. Diese aber stellt ihrerseits fest, dass die Schmerzgrimassen, die der ulkige Mensch aus einem unbekannten Grunde zieht, allmählich abflauen, während jener feststellt, dass die so unliebsam angerempelte Großzehe ganz wesentlich anschwillt.

Schließlich ist es, wie es immer ist. Geduld ist die größte Tugend – aber wer übt sie beharrlich! Und so scheint auch der Mensch da für seine Übungen nicht die nötige Ausdauer zu haben, denn plötzlich probiert er ganz merkwürdige Dinge mit der Zehe, vergisst vollkommen seine Grimassen, die er doch üben wollte, fährt in der Luft herum mit ihr, lässt sie knicksen und turnen und tupft sie dann mehrmals ganz vorsichtig auf die Erde. Was der Unsinn bedeuten soll, ist ja nicht herauszukriegen – es ist dies für gewöhnlich auch schwer, wenn eben keine rechte Ursache zu finden ist, die dem Gebaren zugrunde liegt. Doch so viel ist der Schwalbe klar: Der Mensch hat wie immer keine Ausdauer, wird schließlich der Sache überdrüssig und setzt seine Reise fort.

Kindisch und wenig dem wahren Lebensernst zuneigend, wie dieser Mensch schon zu sein scheint, lässt ihm aber der Übermut auch jetzt keine Ruhe. Statt sich seiner geraden Glieder zu erfreuen, muss er einen Hinkenden nachäffen! Aber er hat das gut weg; er macht es äußerst gelungen, wie er auftritt und den Stock setzt. Schließlich aber hat eine Schwalbe Wichtigeres zu tun, als hinter solchen Unsinnigkeiten herzufliegen, und so weiß sie nicht, was dieser Kauz noch alles getrieben haben mag.

Der hinkte noch eine Weile kläglich, fürsorglichst selbst dem kleinsten Steinchen ausweichend, verfiel aber allgemach wieder in strammen Wanderschritt und hatte seine Augen bald links, bald rechts von der obstbaumgesäumten Straße. Ringsum dehnte sich weites, hügeliges Fruchtland, das nach Süden zu die Wälder auseinanderdrängte und gelbe Gerste und grünen Klee die Hänge hinaufschob. Hinter diesen Wäldern ragten die hohen Vorberge der Alpen auf, auf deren Abhängen das gleißende Licht des heißen Sommertages wie ein zarter Silberhauch lag. Wahllos hingestreut im weiten Bauerngau lagen Dörfer, durch versteckte Straßen verbunden, die man nur an den endlosen Obstbaumzeilen erriet. Und allerorts Landvolk mit Pferde- und Ochsengespannen, die abgeernteten Kornfelder umpflügend.

Und über diesem üppigen Fruchtland brütet glühheiße Sonne, unter der alles reift, und große, weißballige Wolken schweben regungslos am tiefblauen Himmel.

Beatus ist so heiter wie der Tag selber und pfeift sich ein Lied ums andere.

Wer ist der Wunderapostel?

Der Wunderapostel spielt eine zentrale Rolle in den beiden Anfang der 1920er Jahren geschriebenen Romanen „Der Sonnenbruder“ und „Der Wunderapostel“ von Hans Sterneder. Sie spielen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Landstreicher-Milieu.
Erzählt wird die Geschichte des Beatus Klingohr, eines jungen Burschen aus dem Erzgebirge, der es schon früh zu Ruhm und Ehre gebracht und die Gipfel weltlichen Erfolgs erklommen hatte. In ganz Europa war sein Name bekannt. Doch dann machte ein Schicksalsschlag ihm alles zunichte. Ruhm und Ehre waren dahin und der Schmerz trieb ihn hinaus auf die Landstraße. Heimat- und ruhelos zog er umher, bis er von einem Mann hörte, den alle nur den Wunderapostel nannten und der über ungewöhnliche Kräfte und Fähigkeiten verfügen sollte. Beatus wollte den geheimnisvollen Mann finden und es begann eine dramatische Suche auf Leben und Tod. Davon erzählt der erste Roman „Der Sonnenbruder“.
Hier die Passage, in der Beatus Klingohr zum ersten Mal vom Wunderapostel erfährt. Ein anderer Walzbruder, Heini Vögeli, genannt der Vögeli-Heini, erzählt ihm davon:

„Ich kann dir das zu wenig treffend sagen, aber wenn du je dem Wunderapostel begegnen solltest, dann schau, dass du dich an den halten kannst. Von dem wirst du Dinge erfahren und sehen – falls er dich an sich herankommen lässt –, die dir jeden Zweifel nehmen werden.“
„Der Wunderapostel, wer ist das?“, fragte Beatus beinahe ungestüm.
„Das ist ein geheimnisvoller Zauberer. Einige behaupten sogar, dass er aus Asien her ist. Ausschaun tut er danach. Und es heißt, dass er sein Lebtag auf der Landstraße gewesen ist.“
„Wieso kommt er aber zu dem Namen Wunderapostel?“
„Das ist sein Kundenname; der Name, den die Kunden [die reisenden Handwerksburschen der damaligen Zeit] für ihn aufgebracht haben und unter dem man ihn weit und breit kennt. Wenn du nach Königsberg hinaufkommst und einen Kunden nach dem Wunderapostel fragst oder wenn du in Italien unten bist, überall wirst du erfahren, dass er gar wohl bekannt ist.“
Beatus lauschte gespannt.
„Du musst wissen, dass er von unseren Leuten wie ein Heiliger und Weiser verehrt wird. Es gibt keinen zweiten Kunden, mit Ausnahme des Evangelisten, der so bekannt und verehrt ist und der solche Macht über die Walzbrüder hat wie der Wunderapostel. Denn er ist so weise, dass ihm alle geheimen Kräfte der Natur dienstbar sind. Es geht die Sage über ihn, dass er mit allen Pflanzen und Tieren im Bunde ist und all ihre Geheimnisse kennt.
Ja es wird sogar behauptet, dass er mit Pflanzen und Tieren reden kann, wie andere mit Menschen reden, und dass es darum nichts gibt in der Welt, was er nicht kann und weiß.
Sogar wo die Schätze unter der Erde liegen, sollen sie ihm sagen. Und es mag leicht sein, dass er zu jeder Minute Geld heben kann, denn es heißt, man habe ihn noch nie betteln sehen. Und einige schwören sogar darauf“ – hier senkte Vögeli-Heini unwillkürlich seine Stimme zum Flüsterton – „dass er mit Geistern im Verkehr steht! Und so muss es wohl auch sein, denn er soll derartige Wunder an Kranken verübt haben, dass sie ohne die Hilfe der Unsichtbaren gar nicht möglich erscheinen. Einer erzählte einmal in der Penne, es war in Heilbronn, dass er ihm in den Wald nachgeschlichen sei und gesehen habe, wie der Alte einen Strauch berührte und sich aus diesem ein Wesen gelöst hätte, zu dem er lange gesprochen habe, und dass dieses schließlich durch die Luft davongeschwebt sei. So unfassbar das klingt, ich könnte es doch glauben, denn ich bin der festen Meinung, dass es für den Heiligen nichts gibt, das er sich nicht untertan zu machen wüsste.
Und sollte diese ganze Geschichte auch nur geflunkert gewesen sein, Tatsache ist, dass er durch Händeauflegen Schwerkranke gesund und Lahme gehend machen kann. Ich habe darüber den alten Evangelisten gefragt und der hat es mir bestätigt. Und was der alte Evangelist sagt, ist so wahr wie das Wort Gottes.“

Im zweiten Roman begegnet Beatus Klingohr dem Wunderapostel zum ersten Mal. Sofort hat er den Eindruck, es mit einem besonderen Menschen zu tun zu haben. Hier die entsprechende Passage im Roman:

„Auf diesem Antlitz lag die Hoheit, wie sie das Haupt weiser, sagenumwobener Könige längst verklungener Jahrtausende geziert haben mag, gepaart mit einer derart sonnenhaften Klarheit, die nur Auserwählte kennzeichnet, deren Geist in alle Höhen und Tiefen des Seins gedrungen, und dem sich Geheimnisse der Schöpfung geoffenbart, die sich den andern Sterblichen eifersüchtig verschließen. Der assyrisch gehaltene dunkle Bart, in dem die ersten Silberfäden spielten, unterstrich noch diesen Eindruck. So denken wir Menschen uns das Antlitz eines Erhabenen. Doch so sehr dieses Antlitz auch leuchtete, wurde es dennoch überstrahlt von dem blendenden Glanz zweier Augen, die so mächtig waren wie die Majestät der Sonne vor der Erhabenheit des Himmels.
Beatus war nicht fähig, sich zu bewegen. Wuchtig lag die Ehrfurcht vor der Größe dieses Erhabenen, dem er sich so einfältig hatte nähern wollen, auf ihm und drohte ihn zu erdrücken. Gewaltig, wie eine Sturzflut, brach die Nichtigkeit seines Seins in ihn ein. Als er aber seine Blicke neuerdings auf die zwei milden Sonnen richtete und die unendliche Güte fühlte, die von diesem Gesichte ausging, war doch wieder eine unerklärliche, wohlige Ruhe in ihm und freudige Zuversicht senkte sich in sein Herz.
Die machtvolle Gestalt, die dem Gliederbau des hünenhaften alten Evangelisten nur wenig nachgab, ragte wie eine Säule gegen das Blau des Himmels. Das stark angegraute Haupt von den Strahlen der in seinem Rücken stehenden Sonne wie von einem Heiligenschein umspielt.“

Schnell merkt Beatus, dass er es hier mit keinem gewöhnlichen Menschen zu tun hat, dass der Wunderapostel mehr ist, ein Meister, ein Avatar, ein Heiliger. Der Wunderapostel selbst enthüllt sich ihm schließlich als einer jener Großen Brüder, jener Helfer der Menschheit, der aus einem verborgenen Kloster des Himmalaya nach Europa gekommen ist, um den materialistisch gewordenen Menschen im Westen wieder von der Kraft des Geistes zu künden.

„Deshalb beschlossen sie [die Großen Brüder in dem Kloster des Himmalaya], dass vorerst ein Bruder hinübergehen sollte, um die Seele der abendländischen Menschheit bis ins Letzte zu ergründen und die passendste Stätte zu suchen und zu bereiten für ihren Aufenthalt.
Die Wahl traf mich.“
Einen Augenblick, als verstünde er die Worte nicht, als vermöge er sie nicht zu erfassen, blieb Beatus regungslos, dann schleuderte es ihn förmlich von der Brust des Sprechers, und mit großen Augen starrte er den vor ihm Sitzenden an. So verharrte er eine Weile. Der Meister aber lächelte sein rätselhaftes, leises, seltsames Lächeln, das so gütig und mit irdischem Sinn nicht zu ergründen war, hob die Hand, die den großen Smaragd trug und legte sie Beatus auf die Stirne. Und der Jünger fühlte, wie Ruhe in ihn einzog, die an Gleichmut grenzte. Ihm wurde wundersam wohl und still in seinem Herzen.
Und der Erhabene fuhr fort:
„So habe ich vor einer Zahl von Jahren das schweigsame Kloster verlassen und mich aufgemacht auf den Weg nach Westen. Ich bin durch ganz Europa gezogen, und unser gemeinsamer Freund, der Fürst der Zigeuner, hat mir dabei große Dienste geleistet. So habe ich die verschiedenen Strahlungen der abendländischen Erde und der Seelen ihrer Völker kennen gelernt.
Es war mir selbstverständlich, dass ich die Stätte des kommenden abendländischen Klosters meiner ,Großen Brüder‘ innerhalb der uns wohlbekannten gewaltigen Gebirgskette zu suchen hatte, die ihr die Alpen nennt.
Denn die hohen Gebirge tragen von Urtagen her Kräfte der Reinheit und heimliche Mächte des kosmischen Lebens in sich, von denen die heutige Menschheit noch nicht das Leiseste ahnt. Die Grate dieser Gebirge sind gewaltige Antennen, welche die kosmischen Kräfte des Alls in ganz besonderem Maße anziehen und in ihrem Leib bewahren.”

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